Historisches Seminar
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Oradour et les Allemands - Der deutsche Umgang mit dem village martyr Frankreichs: Strafrechtliche Ahndung, Entschädigungszahlungen, Revisionismus und Versöhnungsgestik 1949-2004

Dissertatíonsprojekt von Andrea Erkenbrecher

Betreuer: Prof. Dr. Hans Günter Hockerts

 

Im französischen Ort Oradour-sur-Glane, etwa 20 Kilometer von Limoges gelegen, verübte eine SS-Einheit am 10. Juni 1944 das zahlenmäßig größte deutsche Massaker in Westeuropa während des zweiten Weltkrieges. Die Soldaten ermordeten mindestens 642 Menschen, der Großteil davon waren Frauen und Kinder. Die Ruinen des niedergebrannten Ortes wurden  erhalten und unter entscheidender Mitwirkung des General de Gaulle zum nationalen Symbol des Leidens der Franzosen unter den Deutschen während des zweiten Weltkrieges erhoben.

Trotz seines zentralen Platzes im kollektiven Gedächtnis der Franzosen hat sich die deutsche Geschichtswissenschaft über Jahrzehnte hinweg so gut wie nicht mit dem Massaker und seiner Erinnerungsgeschichte beschäftigt. Allein deutsche Vertreter des Geschichtsrevisionismus haben sich regelmäßig des Themas angenommen und versucht, das Verbrechen zu rechtfertigen, zu verharmlosen oder die Verantwortung der SS gänzlich abzustreiten. Doch auch in Frankreich, wo das Massaker und seine Metamorphose zum lieux de mémoire (Nora) seit den 1990er Jahren geschichtswissenschaftlich aufgearbeitet wird, ist die Frage nach dem Umgang mit dem Verbrechen in den beiden deutschen Staaten ein nahezu weißer Fleck.

Die Dissertation setzt an diesem Forschungsdesiderat an und fragt nach der „zweiten Geschichte“ (Reichel/Schmid/Steinbach) des Massakers in Bundesrepublik und DDR. Diese wird in vier Kategorien untersucht:

1. Strafrechtlichen Verfolgung des Verbrechens

2. Zahlung von Entschädigungen an die Opfer bzw. ihre Hinterbliebenen

3. Thematisierung des Verbrechens durch geschichtsrevisionistische Autoren

4. Unterbliebene und stattgefundene Versöhnungsgesten

Schließlich wird untersucht, wie diese Versuche der deutschen „Vergangenheitsbewältigung“ im neuen Oradour von Überlebenden und Hinterbliebenen aufgenommen, bewertet und erinnert wurden.