Historisches Seminar
print


Navigationspfad


Inhaltsbereich

Das Vermögen der "Reichsfeinde"

Dissertationsprojekt von Josephine Ulbricht

Betreuer: Prof. Dr. Hans Günter Hockerts

 

Im Zentrum des Teilprojektes steht die Frage nach der Funktion der Reichsfinanzverwaltung bei der Einziehung des Vermögens von sogenannten „Volks- und Staatsfeinden“ bzw. „Reichsfeinden“ während der NS-Herrschaft. Der Schwerpunkt liegt auf der fiskalischen Verfolgung von innenpolitischen Gegnern, Emigranten, kirchlichen Einrichtungen sowie Sinti und Roma. In der bisherigen Forschung wurde die Rolle der Reichsfinanzverwaltung meist im Hinblick auf eine Gruppe von Verfolgten untersucht. Eine Studie dagegen, die die Einziehung des Vermögens von aus unterschiedlichen Gründen fiskalisch Verfolgten zusammenhängend und mit Fokus auf der Rolle des Fiskus betrachtet, steht bislang noch aus. Hier setzt das Teilprojekt an: Der breit angelegte Untersuchungsansatz ermöglicht es, die Zusammenhänge zwischen Verwaltungspolitik, Verwaltungsorganisation und Verwaltungspraxis neu zu bewerten.
Ziel ist es, im Sinne einer modernen Verwaltungsgeschichte das Reichsfinanzministerium und sein Agieren nicht isoliert zu betrachten, sondern es im Gefüge des führerstaatlichen Herrschaftsverbandes zu verorten. Dies beinhaltet, dass das Verhältnis der traditionellen Verwaltungen untereinander ebenso ausgelotet wird, wie die Beziehungen der Ministerialbürokratie zu den Parteibehörden.
Neben den rechtlichen Grundlagen, auf deren Basis die Vermögenseinziehungen durchgeführt wurden, nimmt die Studie die organisatorischen Strukturen in den Blick und untersucht das Verwaltungshandeln des Fiskus. Während für die frühen Enteignungen innenpolitischer Gegner im Rahmen der Einziehungsgesetze die Länderverwaltungen zuständig waren, beteiligte sich die Reichsfinanzverwaltung bei der Konfiskation des Vermögens ausgebürgerter Emigranten von Beginn an. Sukzessive wuchs ihr Aufgabenbereich im Rahmen der fiskalischen Verfolgung, bis sie ab 1942 vollständig für die Verwaltung und Verwertung des eingezogenen Vermögens von „Reichsfeinden“ zuständig war.
Anhand einer chronologischen Betrachtung der von der Vermögenseinziehung betroffenen Gruppen wird die Herausbildung einer Verwaltungspraxis des Fiskus in Verfolgungszusammenhängen und die Transformation eines Ausnahmezustandes in eine „administrative Normalität“ (Gotto) geprüft. Wie wirkte sich die Konkurrenz zu anderen Behörden auf das Handeln des Fiskus aus? Welchen Einfluss hatte das Reichsfinanzministerium auf die Ausgestaltung der Vermögenseinziehung? Welche Strategien verfolgte es bei Entscheidungsprozessen und Verhandlungen mit anderen Ministerien?