Historisches Seminar
print


Navigationspfad


Inhaltsbereich

Das Bayerische Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten zwischen wirtschaftlichem Strukturwandel, konservativer Gesellschaftspolitik und Europäisierung 1945–75 (Arbeitstitel)

Dissertationsprojekt von Raphael Gerhardt

Betreuer: Prof. Dr. Ferdinand Kramer

Bayern war bis in die 1970er Jahre ein in weiten Teilen agrarisch geprägtes Land, auch wenn der Anteil der Landwirtschaft am Sozialprodukt und Arbeitsmarkt sich seit Anfang der 50er Jahre drastisch verringert hatte. Hinzu kam, dass die bäuerliche Identität ein wesentliches Moment in der bayerischen Politik und im Selbstverständnis des Landes darstellte. Nachdem im ersten Nachkriegsjahrzehnt alle staatlichen Anstrengungen auf die Sicherung der Nahrungsversorgung ausgerichtet waren, entstanden mit dem Beginn des gemeinsamen Agrarmarktes der EWG, dem Einsetzen der Landesplanung und der aufkommenden Umwelt- und Landschaftsschutzdebatte in den 1960er und 1970er Jahren neue Problemfelder für die bayerische Agrarpolitik.


Die Dissertation möchte eine bis jetzt fehlende Behördengeschichte des Bayerischen Staatsministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg erarbeiten. Dabei wird in einer verwaltungsgeschichtlichen Perspektive die Entwicklung von Kompetenzen, Organisation und Personal des Ministeriums nachgezeichnet. Mit einem kulturhistorischen Zugriff wird zudem die Frage nach Selbstverständnis und Organisationskultur eines ausgesprochenen Fachministeriums gestellt. Aus politikgeschichtlicher Sicht werden Beiträge zur Geschichte subnationaler Außenpolitik in der europäischen Integration und zur Reformära um 1970 geleistet, wobei den leitenden Beamten des Hauses als Handelnden besondere Beachtung geschenkt wird. Dabei will die Arbeit die Einflussgrößen und Spielräume bayerischer Agrarpolitik beleuchten: Zentral ist hier die Auffassung des bayerischen Landwirtschaftsministeriums als Broker, der zwischen den Ebenen Europa, Bundesrepublik, Staatsregierung, Unterbehörden sowie Bürger vermittelt und mit allen maßgeblichen Akteuren interagiert. Die Arbeit bietet so auch die Möglichkeit, den Umgang mit politischen Phänomenen auf allen Ebenen des europäischen Mehrebenensystems nachzuvollziehen. Ziel der Arbeit ist es, das Ministerium mit seiner Beamtenschaft stärker als eigenständigen Akteur in der bayerischen Agrarpolitik zu profilieren.


Im Zentrum des Quellenkorpus stehen die Bestände des bayerischen Hauptstaatsarchivs zur bayerischen Staatsregierung. Hinzu kommt die Überlieferung der europäischen und Bundesbehörden, der parlamentarischen Institutionen, des Bayerischen Bauernverbands und der Parteien. Eine wichtige Rolle spielen ferner allgemeine und für das Politikfeld spezifische Medien wie die bayerische Presse, der Landfunk des Bayerischen Rundfunks oder das Bayerische Landwirtschaftliche Wochenblatt und umfangreiche Graue Literatur.