Historisches Seminar
print


Navigationspfad


Inhaltsbereich

Arbeit am Fluss in der Vormoderne: Fluss- und Brückenbau an Donau und Lech im 16. und 17. Jahrhundert in Bayern

Dissertationsprojekt von Martin Keßler

Betreuer: Prof. Dr. Ferdinand Kramer

 

Als Transport-, Handels- und Verkehrswege, Energieträger oder Versorgungsquelle waren die Flüsse von enormer Bedeutung für Wirtschaft, Staat und Gemeinwesen in der Frühen Neuzeit. Gerade für das Herzogtum Bayern, naturräumlich geprägt vom Wasserreichtum seiner Gebirgsflüsse, stellten die großen Ströme des Landes essentielle, multifunktionale Infrastrukturen dar. Dabei waren die Flüsse zwar nicht im heutigen Sinne kanalisiert und weit stärker von einer fluvialen, saisonalen Dynamik geprägt, doch gerade an den mit Brücken bezeichneten Schnittstellen bereits am Beginn der Neuzeit intensiv bearbeitet und verändert. Ihre Erfassung, Verwaltung und Ordnung, die Koordination der divergierenden Ansprüche an die Nutzung der Flüsse bedeutete für den frühmodernen Staat eine nicht geringe Herausforderung. Das Interesse an und die Interaktion mit einer vielfach als regellos empfundenen Natur beschäftigte ein komplexes Institutionengefüge.

Das Dissertationsprojekt untersucht den noch wenig systematisch erforschten Komplex des Fluss- und Brückenbaus im 16. und 17. Jahrhundert im Herzogtum Bayern. Die Frage nach dem Flussmanagement der bayerischen Zentralbehörden, nach Dimensionen, Voraussetzungen, Instrumenten und Zielen des Eingreifens in die Flusslandschaften vor den großen „Regulierungen“ ab Mitte des 18. Jahrhunderts steht im Zentrum der Studie.
Mit der Donau wird der größte Strom und eine zentrale europäische Verkehrsader in den Blick genommen, mit dem Lech hingegen ein großer Gebirgsfluss, der nicht nur durch die Handels- und Wasserbau-Metropole Augsburg im Fokus der herzoglichen Verwaltung stand.

Die Arbeit strebt eine Verbindung von landes- und umweltgeschichtlichen Ansätzen an. Mit dem leitenden Begriff der „Kultur der Arbeit am Fluss“ soll das Gefüge der Akteure, Institutionen, Verfahren, Vorstellungen und Strategien der Einwirkung auf die Flusslandschaften von Donau und Lech gefasst werden. Welche Faktoren charakterisierten den spezifischen Umgang von staatlichen Handlungsträgern mit der bayerischen (Fluss-)Landschaft? Gab es eine gezielte, auf die Flüsse bezogene Infrastrukturpolitik der bayerischen Hofkammer? Inwieweit waren die Bauprojekte prospektiv in die Zukunft gerichtet, oder sind sie eher als reaktive ad-hoc-Maßnahmen zu verstehen? Welche Dimensionen nahm die Prävention von Überschwemmungs- oder Eisschäden an? Inwiefern ist bei den Akteuren ein auf die fluviale Umwelt bezogenes Machbarkeitsdenken, eine bisher meist mit der Aufklärung assoziierte (proto-)szientistische technische Rationalität erkennbar?

Mit diesen Fragen berührt die Untersuchung zugleich das Feld der vormodernen Ressourcenökonomie und der Finanzierung größerer Infrastrukturarbeiten. Die hierbei vielfach aktivierte Institution des Scharwerks, die Verpflichtung der landesherrlichen Untertanen zum Einsatz an den Flussbaustellen, zeigt die soziale Dimension der Arbeit an den Flüssen in der Verbindung zu den spezifischen Lebenswelten am Wasser.
Gerade das 16. und die erste Hälfte des 17. Jahrhunderts zwar als entscheidendes Entwicklungsstadium des modernen Zentralstaates erkannt, betrachtete die Forschung bisher jedoch weniger als das 18. Jahrhundert oder das Spätmittelalter im Hinblick auf einen gezielten Landesausbau, der Gestaltung der natürlichen Umwelt, des nun ganz anders zur Verfügung stehenden Raumes. Wie gestaltete die Herrschaft vor Ort den konkreten (Fluss-) Raum in der Interaktion mit kommunalen oder privaten Akteuren? Somit beleuchtet diese Studie den Prozess einer staatlichen Anverwandlung der Landschaft und fragt auch nach dem Wechselverhältnis zwischen intensivierter Landesherrschaft und dem Umgang mit der natürlichen Umwelt der Flusslandschaften.

Die Gründung der bayerischen Hofkammer mit der Neuordnung des Bauwesens und der Verwaltung der Kammergüter und Regalien sowie das Ende des Dreißigjährigen Krieges, der verheerende Wirkungen gerade auch für das Brückensystem zur Folge hatte, bilden die Grenzen des Untersuchungszeitraums.
Die Überlieferung der bayerischen Hofkammer, insbesondere die noch kaum ausgewerteten, durchgehend überlieferten Protokolle der Hofkammer bieten eine einmalige Quellengrundlage zur Erfassung der Bautätigkeit und der Konflikte an und um die großen Flüsse.