Historisches Seminar
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Aus Ungarn nach Bayern. Die Integration der Ungarnflüchtlinge im Freistaat Bayern 1956-1973

Dissertationsprojekt von Rita Kiss

Betreuer: Prof. Dr. Ferdinand Kramer

 

Nach dem Ungarnaufstand 1956 flüchteten ca. 200.000 Ungarn nach Österreich und Jugoslawien. Die westliche Welt nahm freiwillig Flüchtlinge auf, wobei die Bundesrepublik Deutschland etwa 14.000 Ungarn Asyl bot. Ein Großteil der aus Ungarn Geflohenen reiste über die bayerischen Grenzlager Piding und Schalding ein. Bayern spielte nicht nur als Transitland, sondern auch als Aufnahmeland eine wichtige Rolle.
Bayerns „Aufnahmekapazität“ bezüglich neuer Flüchtlinge stieß zu diesem Zeitpunkt an Grenzen, da Mitte der 1950er Jahre – trotz der voranschreitenden Integration der Heimatvertriebenen – noch immer viele Menschen in Notunterkünften lebten. Die Wohnungsknappheit und der Zustrom der Menschen aus der sowjetischen Besatzungszone erschwerten zwar die Wohnungssituation, die Wirtschaftslage war Mitte und Ende der 1950er Jahre jedoch günstig für die Aufnahme der ungarischen Flüchtlinge. In Folge des Konjunkturaufschwungs herrschte ein Mangel an Arbeitskräften, der teilweise durch die Zuzüge aus der sowjetischen Besatzungszone nach Bayern gedeckt werden konnte. Außerdem begann die staatliche Anwerbung von ausländischen Arbeitskräften ab Mitte der 1950er Jahre.

Diese Studie geht den Fragen nach, wie die Ungarn im Freistaat Bayern der ausgehenden 1950er Jahre aufgenommen und betreut wurden, und verfolgt diesen Integrationsprozess von der Übernahme aus Österreich bis hin zur Bereitstellung des Zugangs zu Wohnungs- und Arbeitsmarkt. Nach einer chronologischen Darstellung der wichtigsten Ereignisse und Abläufe wird die soziale und kulturelle Eingliederung der Ungarn in Bayern in den Mittelpunkt gestellt. Nur unzureichend untersucht wurde bislang z. B. die Tatsache, dass ein ungarisches Exilgymnasium 1957 in Burg Kastl gegründet wurde, das bis 2006 existierte und über 1000 ungarischstämmige Schüler/innen zum bayerischen Abitur führte.
Der Ausbruch und die Niederschlagung des ungarischen Aufstandes 1956 markieren als Auslöser der Fluchtbewegung den Anfang meiner Studie. Als Endpunkt wurde das Jahr 1973 gewählt, da in diesem Jahr die diplomatischen Beziehungen zwischen der BRD und der Volksrepublik Ungarn aufgenommen wurden. Auch wenn Integration ein langjähriger, oft generationsübergreifender Prozess ist, soll hier im vorliegenden Promotionsprojekt insbesondere die erste Phase des Eingliederungsprozesses, die einen Zeitraum von ungefähr 20 Jahren umfasst, untersucht werden, da die Intensität der Berichterstattung und die Quellenlage diese ersten Jahre besonders detailliert analysieren lassen. Somit möchte die Dissertation sowohl einen Beitrag zur bayerischen Geschichte in den Nachkriegsjahrzehnten als auch zur Aufarbeitung der Auswirkungen des Ungarnaufstandes leisten.