Historisches Seminar
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Gelehrsamkeit im Spiegel der Selbstreflexion. Die Tagebücher des Andreas Felix von Oefele (1706–1780)

Dissertationsprojekt von Markus Christopher Müller

Betreuer: Prof. Dr. Ferdinand Kramer

 

Der gebürtige Münchener Oefele wurde nach dem Studium in Ingolstadt und Löwen zuerst Erzieher am bayerischen Hof, danach Kabinettssekretär und Hofbibliothekar. Letztgenannte Aufgabe wurde zu seinem Lebensinhalt. Er gilt als einer der großen Gelehrten in Bayern im 18. Jahrhundert und ist doch bisher kaum er-forscht. Hinterlassen hat er eine unübersehbare Zahl von handschriftlichen Dokumen-ten. In dem vorzustellenden Dissertationsprojekt sollen die 60 Tagebücher, die Oefele akribisch auf Latein oder Französisch, teils auch auf Altgriechisch führte, ausgewertet werden. Eine solch herausragende Überlieferung erlaubt Fragestellungen, die mangels Quellen in Bezug auf andere frühneuzeitliche Akteure kaum gestellt werden können. Wie sah Oefele sich selbst und seine Arbeit, was nahm er wahr und was blendete er aus? Oder allgemeiner gefragt: Wie lebte er als Gelehrter? Antwort auf solche Fragen versucht seit einigen Jahren vermehrt die Selbstzeugnisforschung zu geben, die sich kultur-historisch mit Quellen befasst, die Einblick in Selbstverständnis und Selbststilisierung historischer Akteure geben. Gerade bei einer sozialen Gruppe wie derjenigen, der früh-neuzeitlichen Gelehrten erscheint dies mehr als sinnvoll, da sich wohl kaum jemand so viele Gedanken und wohl auch Illusionen über sich selbst gemacht hat, wie sie. Die sys-tematische Analyse von Selbstthematisierungen bietet einen fruchtbaren Zugang für eine moderne Gelehrtengeschichte. Er wird umso fruchtbarer sein, je dichter und konti-nuierlicher die Quellen Einblick in ein Gelehrtenleben und dessen Praxis geben können – Oefeles Tagebücher stellen hierfür einen Glücksfund dar. Sie bilden Gedanken, Nöte und Ängste, ja Lebensentwürfe des noch jungen Studenten ab und eröffnen so spannende Perspektiven auf die Geschichte der Emotionen. Sie überliefern Klatsch und Tratsch vom kurfürstlichen Hof und bieten so Einblick in den höfischen Alltag und seine Netzwerke. Historiographiegeschichtliche Fragen können ebenso gestellt werden, da die Tagebücher den Weg zeigen, den die Arbeiten Oefeles bis zur Publikation zurücklegten. Auch Oefele als gläubiger Katholik und als treusorgender Familienvater spiegelt sich wider, zuletzt auch sein resignierendes Scheitern im Kampf gegen die Verdrängung des Lateins an den Universitäten – der Blick eines involvierten Akteurs auf die Veränderung von Bildungsidealen und wissenschaftlichen Paradigmen. Neben der Aufklärung, der Oefele gemeinhin zugeordnet wird, gab es eben lange noch andere Traditionslinien, die sich über barocke Gelehrtenideale und Humanismus bis hin zu den antiken Autoren zogen. Oefele kann wohl als letzter und vielleicht bedeutendster Vertreter dieses Typus in Bayern gesehen werden.