Historisches Seminar
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Erwartungen so hoch wie die Häuser selbst

Dissertationsprojekt von Carla Aßmann

Betreuer/in: N.N.

 

Architektur und Stadtplanung wurden in der Geschichte oft als Feld zur Umsetzung utopischer Gesellschaftskonzepte gesehen. Die wenigsten dieser Stadtutopien wurden jedoch realisiert. Eine Ausnahme stellen die standardisierten Großwohnsiedlungen der Nachkriegszeit dar. Sie wurden möglich durch das neue Selbstverständnis des Staates als Sozialstaat, der die Daseinsvorsorge der Bürger sicherstellt: fast alle dieser Bauprojekte wurden staatlich gefördert. Inzwischen gelten die Massenwohnsiedlungen der 1950er bis 1970er Jahre als städtebaulich und sozial höchst problematische Orte. Die Geschichtsschreibung der Siedlungen stellt sie als Ergebnis fehlgeleiteter und autoritärer Planung und architektonischen Größenwahns dar. Dabei spielen die während der Konzeption dieser Siedlungen auf verschieden Ebenen enthaltenen Erwartungen an die zukünftige gesellschaftliche Genese und die Konfrontation dieser Erwartungshaltung mit der Erfahrung der Betroffenen eine wichtige Rolle in der Entwicklung der Siedlungen.

Von Anfang an wurden die Siedlungen als eine Art Versuchsaufbau gesellschaftlicher Modernisierung behandelt. Entsprechend wurde auch die Kollision der hochfliegenden Erwartungen mit der erlebten Realität besonders drastisch wahrgenommen. Für die Bewohner überschnitten sich die Aussicht auf eine moderne Sozialwohnung einerseits mit Erwartungen an steigende Konsummöglichkeiten, andererseits aber auch an Potentiale demokratischer Partizipation. Die Politik verstand die Großsiedlungen als Mittel des „Social Engineering“ durch soziale Mischung und sich angleichende Lebensverhältnisse sollte eine soziale Nivellierung auf steigendem Niveau erreicht werden. Zudem waren die großmaßstäblichen, industriell gefertigten Bauprojekte Ausdruck der Überzeugung, gesellschaftliche Probleme durch rationale Planung und technischen Fortschritt lösen zu können. Die spezifische Architekturform war, entgegen verbreiteter Annahmen, keine pragmatische Anpassung an finanzielle Beschränkungen, sondern ist Resultat des Anspruchs, die klassische moderne Architektur an menschliche Bedürfnisse und eine fortschrittliche Gesellschaft anzupassen.

Das Dissertationsvorhaben wird die Erwartungen, Erfahrungen und aus diesen Erlebnissen resultierenden Bewältigungsstrategien auf allen drei Ebenen untersuchen. Ziel ist es dabei nicht zuletzt, herauszufinden, welche Rolle Emotionen bei der gesellschaftlichen Produktion bestimmter Räume spielen.