Historisches Seminar
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Vorortlandschaften. Anfänge der Suburbanisierung im Münchner Umland

Dissertationsprojekt von Verena Christina Spicker

Betreuer: Prof. Dr. Martin Ott

 

Vororte und ihre Kernstädte beherbergen heute den größten Teil der Weltbevölkerung. Auch in Bayern, das noch in den 1970er Jahren als agrarisch-ländlich wahrgenommen wurde, ist in den letzten 150 Jahren ein enormer Bedeutungszuwachs städtischer Ballungsräume zu verzeichnen. Dem steht ein Forschungsdesiderat der deutschsprachigen Geschichtswissenschaft zu Stadt-Umland-Beziehungen gegenüber. Auch in der Bayerischen Landesgeschichte ist die Entwicklung von Vorortlandschaften seit Ende des 19. Jahrhunderts (im Gegensatz zu vormodernen Siedlungsformen) kaum untersucht. Besonders im Hinblick auf Raumkonzepte des Spatial Turn und die von der Stadtsoziologie vertretene These der Eigenlogik von Ortschaften besteht mikrohistorischer Forschungsbedarf.

Die Dissertation befasst sich daher mit den Ursprüngen des besonders stark suburbanisierten Münchner Umlands. Anhand mehrerer Vororte westlich der königlich bayerischen Haupt- und Residenzstadt werden Entstehungszusammenhänge und Wachstumsphasen suburbaner Topographien herausgearbeitet. Gegenstand der Untersuchung sind die (ehemaligen) Vororte Puchheim-Bahnhof, Eichenau, Emmering, Lochhausen, Gröbenzell und Olching – heute zum Teil Städte, selbstständige Gemeinden oder Stadtteile der bayerischen Landeshauptstadt.

Ausgangspunkt ist die Einbindung der Orte in den Münchner Nahverkehr in den 1890er Jahren als Voraussetzung für deren Entstehung, Wachstum und Orientierung Richtung München als Zentrum. Welche Akteure eigneten sich den jeweiligen Raum an und bezeichneten ihn als Vorort? Welche Vorstellungen waren damit verbunden? Vor dem Hintergrund zeitgenössischer Diskurse zur Suburbanisierung stehen Sozialstruktur und Genese der Vororte bis zur Ausbildung von Ortskernen gegen Ende der Weimarer Republik im Zentrum der Arbeit: Die Bildung eigener Kirchen- und Schulsprengel für diese Bahnhofssiedlungen wird dabei als räumlicher Ausdruck von Identitätsbildungsprozessen verstanden. Ein Ausblick auf die Phasen der Suburbanisierung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bis zur Gründung der Europäischen Metropolregion München rundet die Betrachtungen ab.

Die Quellenstudien stützen sich in erster Linie auf die umfangreichen behördlichen Überlieferungen im Staatsarchiv München und die Bestände der Kommunalarchive. Bei gedruckten Quellen liegt der Fokus auf Ortschroniken und der Lokalpresse, um zeitgenössische Bewertungen der neu entstandenen Raumkategorie „Vorort“ im Spannungsfeld von Stadt-Land-Dichotomien zu untersuchen.