Historisches Seminar
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„Mittelalterbilder – Studien zu einer Kulturgeschichte Bayerns zur Zeit des Ersten Weltkrieges“ (Arbeitstitel)

Dissertationsprojekt von Franziska Stelzer

Betreuer: PD Dr. Christoph Paulus


Die Instrumentalisierung der mittelalterlichen (Landes-)Geschichte, etwa von realen Herrscherfiguren wie Heinrich dem Löwen und epischen Helden wie Siegfried und Hagen, durch die nationalsozialistische Propaganda ist hinlänglich aufgearbeitet – nicht jedoch, dass die Rezeption der media aetas in Sprache und (Erinnerungs-)Kultur schon früher, nämlich zu Beginn des 20. Jahrhunderts, mit einem vorläufigen Zenit in den Jahren 1914–1918, hervortritt. Der Ursprung dieser Rückwendung zur „mittleren Epoche“, ihre Ausprägung und Funktionalisierung kann als Forschungslücke der Geschichtswissenschaft gesehen werden, die diese Abhandlung, konzentriert auf die Mittelalter-Rezeption im Königreich Bayern, zu schließen beabsichtigt – in der Forschung wurden bislang entweder generell eine Kulturgeschichte des Ersten Weltkriegs oder speziell einzelne Mittelalter-Analogien herausgearbeitet.
Hierzu wird einerseits eine Fokussierung auf den Ersten Weltkrieg als Kulmination von Phänomenen aus verschiedensten Bereichen vorgenommen, andererseits gilt es, im Sinne einer Binnendifferenzierung den „Ballungsraum München“ mit anderen bayerischen Großstädten dieser Zeit – Augsburg, Bayreuth, Nürnberg und Regensburg – zu vergleichen, um so ein gesamtbayerisches Panorama der Mittelalter-Rezeption Anfang des 20. Jahrhunderts zu entwickeln und eine differenzierte Sicht zu profilieren. Dabei wird auch die Frage im Vordergrund stehen, inwiefern die Rückwendung zur „eigenen“, zur mittelalterlichen Landesgeschichte und Kultur der deutschen Heldenepik als Faktor einer in Krisenzeiten außerordentlich bedeutsamen kollektiven Identitätsstiftung gedeutet werden kann; es sollen dabei auch die Mittelalter-Rezeption des bayerischen König- und diejenige des preußischen Kaiserreichs in komparatistischer Weise betrachtet werden.

Zur Untersuchung des Desiderats werden, einem transdisziplinären Ansatz folgend, unterschiedliche Quellencorpora aus diversen Archiven analysiert; exemplarisch zu nennen seien hier Medien des zivilen Lebens, wie Zeitungen und Theaterspielpläne, und der weitaus größere Bestand der Medien des militärischen Lebens, wie Soldatenlieder, Propagandaschriften oder Feldpost. Die Gliederung der Abhandlung orientiert sich einerseits chronologisch an der Zeit des Ersten Weltkriegs, mit einem Rückblick auf die Vorkriegs- und einem Ausblick auf die Nachkriegsjahre; andererseits wird von einem Idealtypus des bayerischen Frontkämpfers und dessen Lebensstationen wie Schule, Kadettenanstalt und Schützengraben ausgegangen. Angestrebt wird eine Rezeptions-, Erinnerungs-, Mentalitäts- und Kulturgeschichte, die deduktiv über die (geschichts-)kulturelle Atmosphäre der Jahre 1900–1933, den Niederschlag des Mittelalters in den verschiedenen Ausbildungsstätten und den Rückbezug zur media aetas auf öffentlich-staatlicher Ebene die Rezeption der „mittleren Epoche“ an den Fronten des Ersten Weltkriegs darstellen soll.