Historisches Seminar
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Die Stadt als Dienstleister: Kommunale Infrastruktur- und Versorgungseinrichtungen in München, 1933 bis 1945

Dissertationsprojekt von Mathias Irlinger

Betreuerin: Prof. Dr. Margit Szöllösi-Janze

 

Das Dissertationsvorhaben widmet sich den kommunalen Infrastruktur- und Versorgungseinrichtungen in München in der Zeit des „Dritten Reichs“. Anhand einer Verzahnung von kultur- und sozialgeschichtlichen Herangehensweisen werden Spezifika des Nationalsozialismus in der Infrastrukturpolitik herausgearbeitet. Der Themenbereich dient dabei als Schlüssel zur Erforschung der Angebotsseite des „Dritten Reichs“. Welche Angebote den Bürgerinnen und Bürgern gemacht wurden, also das, was als Voraussetzung für ihr Dasein angesehen wurde, war nie statisch abgesteckt, sondern unterlag Aushandlungsprozessen. Die Entscheidungen wurden selten in nur einer Behörde, sondern in Kooperation und Konkurrenz zwischen öffentlichen Ämtern und Parteistellen auf lokaler und nationaler Ebene sowie in Zusammenarbeit mit Experten getroffen.

Infrastrukturmaßnahmen waren nicht bloße Leistungen, sondern sie sollten den öffentlichen Raum integrieren, strukturieren und ordnen. An ihnen zeigen sich Wahrnehmungen sowie Konstruktionen von Urbanität im Nationalsozialismus. Die Semiotik und Ikonographie von Infrastrukturen wird im Besonderen an Prestigeprojekten und an Ihrer Darstellung bei Ausstellungen, Feierlichkeiten sowie in Publikationen deutlich. Infrastrukturplanungen standen ferner im Spannungsverhältnis zwischen Zukunftsvisionen, mit den ihnen immanenten Erwartungshaltungen für zukünftige Ereignisse, und der Reaktion auf aktuelle Notlagen. Vor allem die Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg holten die Infrastrukturen aus der Sphäre des Selbstverständlichen heraus und offenbarten ihre Unentbehrlichkeit. Hier zeigen sich Prioritätssetzungen der Politik zwischen kriegswichtigen Erfordernissen und zivilen Maßnahmen zur Aufrechterhaltung alltäglicher Normalität.

Die Untersuchung der Stadt als Dienstleister sowie der Angebotsseite des „Dritten Reichs“ impliziert die Betrachtung der Erwartungshaltungen, des Konsumverhaltens und der Reaktionen der Münchnerinnen und Münchner. Diese Untersuchungsebene wird exkludierende Mechanismen der Infrastruktur- und Versorgungspolitik aufdecken, etwa den Ausschluss von sogenannten „Gemeinschaftsfremden“ aus öffentlichen Einrichtungen. Hier zeigt sich am deutlichsten, dass Infrastrukturen nicht selbstverständlich und Versorgungseinrichtungen mehr als gemeinwohlorientierte Grundversorgung waren. Die Stadt München folgte hier keiner technokratischen Sachgerechtigkeit, sondern orientierte sich an politischen Zielsetzungen.