Historisches Seminar
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"Das eschatologische Reich: Politische Eschatologie in der Moskauer Rus’ zwischen Byzanz und dem Heiligen Römischen Reich"

Dissertationsprojekt von David Khunchukashvili

Betreuerin: Prof. Dr. Julia Herzberg

 

Im 15. und 16. Jahrhundert änderte sich im alten Russland allmählich die Regierungsform. Aus einem Fürstenbund mit einem Großfürsten als primus inter pares entwickelte sich ein zentralisiertes Zarentum mit einem Zaren als Alleinherrscher, der als Abbild Christi imaginiert wurde. Eine zentrale Rolle spielten dabei die Endzeiterwartungen, die die Vorstellung vom christlichen Zarentum prägten.
Das Ziel des Forschungsvorhabens ist es, die Wirkung der politischen Eschatologie auf die Entstehung, Entwicklung und Herausforderung der Idee des christlichen Zarentums im Russland der Rjurikiden interdisziplinär, transkulturell und anhand eines vielfältigen Quellenkorpus zu untersuchen. Unter politischer Eschatologie wird im Rahmen des Projekts jene Form der Eschatologie verstanden, in der das Ende der Welt im Zusammenhang mit der Existenz eines Imperiums bzw. eines Staates gebracht wird.
In vergleichender Perspektive sollen die Spezifika des russischen Falles herausgearbeitet werden. In dem Projekt wird die folgende These vertreten: Die Idee des christlichen Zarentums war im 15. und 16. Jahrhundert noch keine imperiale, sondern vor allem eine eschatologisch-apokalyptische Idee. Sie konnte zwar für die Legitimation von Landeroberungen herangezogen werden, sollte aber in erster Linie die Seelenrettung der Untertanen des Zaren vor dem Jüngsten Gericht sichern.
Das Forschungsvorhaben leistet nicht nur einen Beitrag zur Erforschung der Genese des Zarentums im vormodernen Russland des 15. und 16. Jahrhunderts, sondern trägt auch zum allgemeinen Verständnis von Herrschaftslegitimierungen bei, indem es die russische Variante der durch Gott legitimierten Gewalt in Bezug zu anderen Formen der Herrschaftslegitimierung im spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Europa untersucht. Ebenso wird die Rezeption und Umsetzung der eschatologischen Erwartungen im vormodernen Russland mit dem Einfluss von Endzeiterwartungen auf das theologische und politische Denken in West- und Ostmitteleuropa in Beziehung gesetzt.