Historisches Seminar
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Fordistische Betriebspolitik im Boom – Produktionsarbeit in der Automobilindustrie von 1960 bis 1973. Das Beispiel BMW

Dissertationsprojekt von Mario Boccia

Betreuer: Prof. Dr. Andreas Wirsching

 

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verlief die wirtschaftliche Entwicklung des Münchner Automobilherstellers BMW vergleichsweise untypisch. Das Unternehmen befand sich während der 1950er Jahre in einer schwerwiegenden Krise, die im Jahr 1959 beinahe in eine Übernahme durch Daimler-Benz mündete. Erst mit Beginn der 1960er Jahre gelang es BMW, zur bundesdeutschen Prosperitätsentwicklung aufzuschließen, womit sich das Unternehmen schlagartig mit den strukturellen Herausforderungen des Booms konfrontiert sah. Die zentralen Probleme bestanden erstens in der fulminant steigenden Nachfrage nach BMW-Modellen, was die Notwendigkeit nach sich zog, die Fertigungskapazitäten massiv auszuweiten. Zweitens stellte der allgemeine Arbeitskräftemangel ein großes Problem dar.
Die mit der wirtschaftlichen Aufwärtsbewegung einsetzende „Erfolgskrise“ (F. Triebel) führte somit zu neuartigen Problemlagen – aber auch zu neuen Lösungsansätzen. So brachte die angespannte Arbeitsmarktsituation hohe Fluktuationsraten mit sich, welchen der Vorstand mit steigenden Kompensationszahlungen (insbesondere Verdiensterhöhungen und Sozialleistungen) entgegenzuwirken versuchte. Auch die ansteigende Gastarbeiterbeschäftigung bereitete der Unternehmensleitung Sorgen, weshalb sie dem – in den Worten des Betriebsratsvorsitzenden Kurt Golda – „Ausländerproblem“ große Aufmerksamkeit zukommen ließ. Die betriebspolitische Bewältigung dieser strukturellen Anforderungen bestimmte das Handeln der Entscheider bei BMW maßgeblich. Dabei lässt sich zeigen, dass die Verantwortlichen zu Beginn der 1970er Jahre auch neue, bis dato unbekannte Strategien entwickelten.
Auch auf der Ebene der Akteure der Arbeitnehmervertretungen veränderte sich ab dem Ende der 1960er Jahre die betriebliche Realität durch das Auftreten von linksradikalen Gruppierungen. Die Linksradikalen agitierten vor allem das ausländische Belegschaftssegment, das weit empfänglicher für die neokommunistischen Agitationsbemühungen war als die deutsche Kernbelegschaft. Im „Italienerstreik“ bei BMW von 1972 begehrten die Gastarbeiter als von den negativen arbeitsplatzbezogenen Folgewirkungen am stärksten betroffene und zudem betriebspolitisch weitgehend vernachlässigte Beschäftigtengruppe gegen diese Konstellation auf. Im Gegensatz zu vorhergehenden Arbeitskämpfen standen hierbei primär qualitative Forderungen im Zentrum, womit die Streiks, welche die linksradikalen Betriebsgruppen unterstützten, eine antifordistische Schlagrichtung annahmen.