Historisches Seminar
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„For Hunger Brekythe the Stone Walle” – Die Städtebelagerungen des Hundertjährigen Krieges (1337-1453)

Dissertationsprojekt von Maria Pieschacon-Raffael

Betreuerin: Prof. Dr. Julia Burkhardt

 

„For Hunger Brekythe the Stone Walle“ heißt es in einem zeitgenössischen Gedicht über das 1418 belagerte Rouen. Ein Bild, welches dem Verständnis von Belagerung als heroischem Ansturm auf die Mauern, abgewehrt von einer energischen Bevölkerung, widerspricht. Und doch finden sich bei solchen Attacken kaum je Erzählungen von mächtigen Angreifern und furchtlosen Verteidigern, vielmehr solche des Mangels, der Grausamkeit und des Verrats wider die eigenen Nachbarn. Wie die gelebte Realität einer Stadtbelagerung aussah, welche Entbehrungen die eingeschlossene Bevölkerung zu erdulden hatte und wie sich dies auf die defensive, soziale, kommunikative, finanzielle und politische Verfassung einer Stadt auswirkte, ist Gegenstand dieser Arbeit.

Welchen Effekt hatte es auf eine städtische Bevölkerung über Wochen oder Monate eingesperrt zu sein – den Feind vor den Mauern? Welche sozialen Prozesse wurden durch die plötzlich so scharf akzentuierte Enge der spätmittelalterlichen Stadt in Gang gesetzt? Wie veränderten Hunger und Krankheit die Psyche des Einzelnen und der Gemeinschaft? Gab es Möglichkeiten mit der Welt vor den Mauern zu kommunizieren? Welche Rolle spielten rechtliche und religiöse Vorstellungen vom Kriegsfall und bürgerlichem Verhalten darin? Welche baulichen, politischen und wirtschaftlichen Maßnahmen konnte und wollte eine betroffene Stadt ergreifen und welchen Einfluss übten diese auf ihre Bevölkerung und das überlebenswichtige Umland aus? Wer herrschte und entschied in der spätmittelalterlichen Stadt? Wie gestaltete sich das Zusammenleben mit den Besatzern, entstanden neue Loyalitäten? Welche inhärenten Zwänge wirkten sich auf den Ausgang einer Belagerung aus und welche Konsequenzen hatten Bauern, Bürger und Adel zu tragen? Wie veränderten sich Aussehen, Verfassung und Bedeutung belagerter Orte? Blieben die Schäden im städtischen Gedächtnis haften?

Anhand ausgewählter Fallbeispiele von französischen Städtebelagerungen des Hundertjährigen Krieges (1337-1453) wird in vergleichender Weise und mit fünf Analysekategorien ergründet, welche Prozesse innerhalb der Städte durch den Extremfall Belagerung ausgelöst wurden, wie man als Bürgerschaft damit umging und wie dieser Ausnahmezustand jene Orte langfristig prägte. Somit wird das Phänomen der Belagerung neu erfasst und erstmals von innen heraus gedacht – weg von Generälen und Soldaten, hin zu einfachen Bürgern, städtischem Patriziat und fahrenden Kaufleuten, von missachteten Minderheiten zu hohen Herren.