Die Kohleversorgung Bayerns von 1914 bis 1933 (Arbeitstitel)
Dissertationsprojekt von Laura Fuchs
Betreuer: Prof. Dr. Ferdinand Kramer
„Die Kohlenversorgung Bayerns […] gibt zu den schwersten Besorgnissen Anlaß“, schrieb im Juli 1919 der bayerische Handelsminister Eduard Hamm an den Reichskohlenkommissar Ernst Stutz. Nirgends seien mehr Vorräte vorhanden – weder für die Eisenbahn noch für die Elektrizitäts- und Gaswerke oder für den Hausbrand.
Hamms Worte zeigen die Bedeutung der Ressource Kohle, welche als Leitrohstoff der Zeit nahezu eine Monopolstellung bei der Gewinnung von Nutz- und Wärmeenergie einnahm. Das rohstoffarme Bayern konnte um 1900 seinen Energiebedarf jedoch nur zu ca. 13 Prozent aus eigenen Vorkommen decken. Braunkohle-Felder in der Oberpfalz und in Oberbayern reichten dazu nicht aus und waren für die industrielle Nutzung nur teilweise geeignet.
Deshalb war Bayern in hohem Maße auf Importe angewiesen: Für die Versorgung des rechtsrheinischen Bayern war neben Böhmen das Ruhrgebiet zentral, für die Pfalz das Saargebiet. Spätestens seit dem Winter 1916/17 und besonders nach dem Ersten Weltkrieg traten infolge der veränderten politischen Ausgangslage gravierende Versorgungsengpässe auf. Mit der Besetzung des Ruhrgebietes durch Frankreich im Januar 1923 verschärfte sich die Kohlenlage vor allem in der Pfalz noch einmal drastisch, ehe sich die Situation zum Jahresende durch das MICUM-Abkommen und die wiederaufgenommenen Lieferungen aus dem Ruhrgebiet entspannte.
In den Folgejahren sah sich der bayerische Kohlebergbau immer wieder mit witterungs- und konjunkturell bedingten Absatzschwierigkeiten konfrontiert. Sie mündeten 1930 im Zuge der Weltwirtschaftskrise in eine „Absatzkatastrophe“, da gerade Bayern bei schwacher Konjunktur einen heftig umkämpften Absatzmarkt der unterschiedlichen Bergbaureviere darstellte.
Das Dissertationsprojekt nimmt die Kohlewirtschaft Bayerns zwischen 1914 und 1933 in den Blick. Sie gewann im Untersuchungszeitraum eine ausgeprägte politische Dimension, weil die bayerische Staatsregierung im Rahmen der Brennstoffzwangswirtschaft als maßgeblicher Akteur auftrat. Auch nach dem Abbau der Kohlewirtschaftsstellen 1923/24 war die Regierung aktiv in der Kohlewirtschaft involviert und griff regulierend in den Markt ein.
Als dominierender Energieträger war die Ressource Kohle nicht nur ein Grundpfeiler der gesamten wirtschaftlichen Betätigung, sondern auch – wie die Forschung inzwischen mehrfach herausgearbeitet hat – Fundament gesellschaftlicher Strukturen und Gegenstand politischer Aushandlungsprozesse. Von Bevölkerung und Industrie als existenzbedrohendes Problem wahrgenommen, stellten eine unzureichende Energieversorgung oder Absatzschwierigkeiten weit mehr als nur Lebensstandards infrage – sie evozierten Verteilungsungerechtigkeiten und erschütterten im Falle von Problemen das Vertrauen in staatliche Handlungsfähigkeit.
Weitreichende Kompetenzverlagerungen nach Berlin oder extensive staatliche Eingriffe in das alltägliche Leben und den wirtschaftlichen Ablauf restrukturierten zudem das Verhältnis zwischen Bayern und Reich sowie von (Landes-) Politik, Industrie und Bevölkerung. Energie stieg so zu einem eigenen Politikfeld auf, das durch die Produktion und Nutzung von spezifischem Wissen eine zunehmend wissenschaftliche Fundierung erhielt.
Dementsprechend sollen folgende Fragen leitend sein:
- Welche Maßnahmen ergriffen die (wirtschafts-) politischen Träger, um Engpässe und Absatzschwierigkeiten zwischen 1914 und 1933 zu bewältigen und dadurch Versorgungssicherheit sowie Marktstabilität herzustellen?
- Wie wirkten sich die dauerhafte Abhängigkeit von Kohleimporten und Nachfrageschwankungen auf die gesellschaftliche und wirtschaftliche Stabilität und das politische Gewicht Bayerns aus? Wie versuchte die politische Führung in diesem Zusammenhang, die Staatlichkeit Bayerns zu bewahren und Handlungsfähigkeit zu gewährleisten?
Zur Beantwortung der vorgestellten Fragen dienen drei Analyseebenen, die die zentralen Aufgabenbereiche der staatlichen Instanzen auf Landes- und Reichsebene widerspiegeln:
- Beschaffung von Kohle und Marktsteuerung: Beziehungen und Vernetzungen Bayerns nach außen
- Raumorganisation und Transport der Kohlelieferungen: Infrastruktur (Eisenbahn und Schifffahrt)
- Verteilung, Verbrauch und Absatzregulierung: Organisation der inneren Bedarfsdeckung
Um die Bandbreite der einschlägigen Themenfelder abzudecken, arbeitet das Dissertationsprojekt mit Methoden und Perspektiven der Landes-, Energie-, Wirtschafts-, Politik-, Sozial-, Stoff- und transnationalen Geschichte. Es kann sich auf eine umfangreiche Überlieferung stützen: Neben der behördlichen Überlieferung – etwa des Ministeriums für Handel, Industrie und Gewerbe als zeitweise federführende Stelle im Bayerischen Hauptstaatsarchiv – stehen die Archive in den jeweiligen Einfuhrländern, darunter vor allem in Frankreich, im Fokus.
Die Studie setzt im Jahr 1914 vor der Umstellung auf die Kriegswirtschaft ein. Die bayerische Landesregierung reagierte dann mit Ad-hoc-Maßnahmen auf die völlig veränderte Ausgangslage, um den Kohlebezug zu sichern. Berücksichtigt wird der Wandel der außen- und reparationspolitischen Grundlagen der Weimarer Jahre sowie die Phase einer normalisierten Versorgungssituation und auftretender Nachfrageschwankungen ab 1924/25. Die Untersuchung endet 1933 mit dem weitreichenden Wandel wirtschaftspolitischer Rahmenbedingungen im NS-Staat. So soll für Bayern ein hinsichtlich seiner vielfältigen politischen, wirtschaftlichen und sozialen Wirkungen von der Forschung noch wenig betrachtetes Feld beleuchtet werden.